Butterbrot (1989)

Ein Buch für alle Verliebten – ein Buch für alle, die einmal verliebt waren – ein Buch für alle, die nicht mehr an die Liebe glauben – ein Buch für alle, die wissen, dass die Liebe alles ist – ein Buch für Realisten, die an Wunder glauben. Wie kann man heute einen Roman schreiben, der die Geschichte einer beginnenden Liebe erzählt und in Venedig spielt, wo doch der Regenwald stirbt?! Eben darum...

Gabriel Barylli

Über die Liebe

(Auszüge aus dem Roman Butterbrot)

Eigentlich ist das Wort „Liebe“ ein Übersetzungsfehler. Es müsste heißen: „Erarbeitetes Kennenlernen einer anderen Menschengeschichte, das während des Erarbeitens Lust und Wohlbehagen auch in möglichen schmerzenden Augenblicken erzeugt und dadurch sorgt, dass der Antrieb, in diesem Kennenlernen nicht nachzulassen, stetig vorhanden ist.“

 

Wenn ich „Liebe“ sage, dann meine ich, dass ich von einem anderen Menschen immer nur zwei Dinge mit absoluter Sicherheit weiß. Das eine ist – dass er eine Geschichte hat, die ich nicht kenne, und das andere ist, dass ich eine Geschichte habe, die er nicht kennt!

Wenn ich aber in mir ein wortloses Gefühl spüre, das mich auffordert, mit diesem anderen Menschen eine neue Geschichte zu schreiben, die unsere gemeinsame Geschichte wird, dann versuche ich, ihm zu zeigen, dass ich alle Zeit der Welt habe, um seine Gegenwart zu begreifen, die aus seiner Vergangenheit heraus gewachsen ist.

Ich möchte versuchen, meinen Antrieb, bei ihm zu sein, nicht ruckartig auf ihn stürzen zu lassen, so dass ihn mein Auftauchen aus seiner Bahn wirft, sondern ich möchte versuchen, so zu beschleunigen, dass wir beide das schneller werdende Tempo genießen können.

Ich möchte versuchen, mich immer daran zu erinnern, dass es ein Geschenk des Glücks ist, jemanden gefunden zu haben, zu dem ich „Liebe“ sagen kann, und möchte versuchen, nie zu vergessen, dass ich in sieben Minuten tot sein kann und dass mein letzter Moment ein Moment der Wahrheit gewesen sein sollte. Ein Moment der Wahrheit, der in einer langen Kette steht, die immerzu „jetzt“ beginnt.

Ich möchte versuchen, nie etwas zu verlangen, aber immer bereit zu sein für das, was eine Verbindung darstellt zwischen zwei Menschen, die, wenn sie nicht einander hätten, allein auf dieser Welt unterwegs wären. Ich möchte meine Sehnsucht, die in meinen Gefühlen und in meinen Gedanken ist, in meinen Körper fließen lassen und meine Zärtlichkeit immer nur verwenden, um uns gegenseitig glücklich zu machen.

Ich möchte immer die Zeit haben, alle Augenblicke, die zu einem Missverständnis führen könnten, von ihrer Enge zu begreifen, und ihnen so lange meine Geduld und meine Aufmerksamkeit schenken, bis sie zu einer Stufe der Erweiterung geworden sind.

Ich hoffe, dass das dauernde Üben, ehrlich zu sein, offen zu sein, Respekt zu haben und Respekt zu erhalten, jede launische Ungeduld unmöglich machen wird – es gibt nämlich keinen Grund und keine Rechtfertigung dafür, dass zwei Menschen auch nur eine Sekunde lang einen unfreundlichen, ungeduldigen oder gereizten Ton miteinander haben.

Das heißt, ich möchte mir jeden Tag die Frage stellen: „Liebst du noch, oder bist du nur in der Tradition?“ Und wenn die Antwort heißt, die Liebe ist zu Ende, so wie jede Blüte einmal sterben muss, dann möchte ich gehen können, ohne in den Formen zu ersticken. Ich möchte aber nicht so dumm sein, irgendeine Grenze aufzubauen – weil ich glaube, dass diese Blüte auch ein ganzes Menschenleben dauern kann – genauso wie sie eine Minute lang am Leben ist, wenn zwei Blicke sich wirklich treffen …

Ich möchte immer wissen, dass jede Begegnung auf dieser Erde nur die äußere Geschichte von Seelen ist, die auf einen ganz unbeschreibliche Weise ihre Bahnen seit ewigen Zeiten ziehen, und ich möchte nie versuchen, dieses Geheimnis in den Griff zu bekommen, sondern das zu erleben, was ich erleben soll, um daran etwas zu lernen und friedlicher und glücklicher zu werden.

Ja! Ich denke, das ist so ungefähr das, was ich meine, wenn ich „Liebe“ sage.